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Im Rah­men der schrift­li­chen Anhö­rung des Aus­schus­ses für Schule und Bil­dung sowie des Aus­schus­ses für Fami­lie, Kin­der und Jugend des Land­tags Nord­rhein-West­fa­len haben Dr. Sey­ran Bos­tancı, Dr. Anna Alek­san­dra Wojciech­o­wicz und Bene­dikt Wirth eine wis­sen­schaft­li­che Stel­lung­nahme zum Antrag der Frak­tion der FDP (Druck­sa­che 18/18111) ein­ge­reicht. Darin betrach­ten die Autor*innen die vor­ge­schla­ge­nen Maß­nah­men aus einer Per­spek­tive, die frühe Bil­dung unter Bedin­gun­gen der Migra­ti­ons­ge­sell­schaft ana­ly­siert und kri­tisch im Hin­blick auf ihre mög­li­chen Aus­wir­kun­gen auf Bil­dungs­un­gleich­hei­ten einordnet.

Kon­kret geht es um fol­gende Maß­nah­men: eine ver­pflich­tende Sprach­stands­fest­stel­lung für alle Kin­der im Alter von vier Jah­ren sowie ein der Grund­schule vor­ge­la­ger­tes Schul­fä­hig­keits­jahr (ABC-Klas­sen). Ziel ist es, Kin­der mit sprach­li­chem För­der­be­darf früh­zei­tig zu iden­ti­fi­zie­ren und gezielt auf den Schul­ein­tritt vorzubereiten.

Die Stel­lung­nahme kommt jedoch zu dem Schluss, dass beide Maß­nah­men kaum geeig­net sind, Bil­dungs­un­gleich­hei­ten abzu­bauen. Statt­des­sen besteht die Gefahr, bestehende Benach­tei­li­gun­gen wei­ter zu ver­stär­ken. Die Autor*innen kri­ti­sie­ren ins­be­son­dere, dass der Antrag sprach­li­che Bil­dungs­un­gleich­hei­ten vor allem als indi­vi­du­el­les Pro­blem von Kin­dern und Fami­lien ver­steht, wäh­rend struk­tu­relle Ursa­chen weit­ge­hend unbe­rück­sich­tigt bleiben.

Ein zen­tra­ler Kri­tik­punkt betrifft die geplan­ten Sprach­stands­fest­stel­lun­gen. Bos­tancı, Wojciech­o­wicz und Wirth zei­gen auf, dass Sprach­scree­nings die­ser Art über­wie­gend an ein­spra­chig auf­wach­sen­den Kin­dern nor­miert sind. Ihre Aus­sa­ge­kraft für die Beur­tei­lung mehr­spra­chi­ger Ent­wick­lungs­ver­läufe ist des­halb begrenzt. Dadurch besteht die Gefahr sys­te­ma­ti­scher Fehl­ein­schät­zun­gen, bei denen mehr­spra­chige Kin­der vor­schnell als sprach­lich för­der­be­dürf­tig ein­ge­ord­net wer­den, obwohl sich ihre Sprach­ent­wick­lung alters­an­ge­mes­sen voll­zieht. Dia­gnos­ti­sche Ver­fah­ren sind zudem nicht los­ge­löst von insti­tu­tio­nel­len Bewer­tungs­mus­tern zu betrach­ten, wodurch migran­ti­sche Kin­der einem erhöh­ten Risiko aus­ge­setzt sind, benach­tei­ligt zu werden.

Kri­tisch bewer­tet die Stel­lung­nahme außer­dem das geplante Schul­fä­hig­keits­jahr bezie­hungs­weise die ABC-Klas­sen. Die Autor*innen ver­wei­sen dar­auf, dass für addi­tive und sepa­rie­rende Sprach­för­der­maß­nah­men bis­lang keine über­zeu­gen­den wis­sen­schaft­li­chen Wirk­sam­keits­nach­weise vor­lie­gen. Gleich­zei­tig ber­gen sol­che Modelle das Risiko, Kin­der bereits vor dem Schul­ein­tritt von­ein­an­der zu tren­nen, sie früh­zei­tig zu stig­ma­ti­sie­ren und bestehende Bil­dungs­un­gleich­hei­ten wei­ter zu ver­stär­ken. For­schungs­er­geb­nisse spre­chen statt­des­sen für inklu­sive Bil­dungs­set­tings, in denen Kin­der gemein­sam ler­nen und Spra­che im All­tag erwerben.

Ein wei­te­rer Schwer­punkt der Stel­lung­nahme liegt auf den struk­tu­rel­len Ursa­chen sprach­li­cher Bil­dungs­un­gleich­hei­ten. Viele Kin­der haben bereits vor der Ein­schu­lung unglei­che Vor­aus­set­zun­gen, weil sie kei­nen oder nur einen ein­ge­schränk­ten Zugang zu qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ger frü­her Bil­dung erhal­ten. Die geplan­ten Sprach­stands­fest­stel­lun­gen set­zen daher erst zu einem Zeit­punkt an, an dem Bil­dungs­un­gleich­hei­ten viel­fach bereits ent­stan­den sind. Solange Zugangs­bar­rie­ren zur frü­hen Bil­dung bestehen, besteht die Gefahr, dass struk­tu­rell ver­ur­sachte Benach­tei­li­gun­gen als indi­vi­du­elle Defi­zite der Kin­der inter­pre­tiert werden.

Statt zusätz­li­che Selek­ti­ons­in­stru­mente ein­zu­füh­ren, müs­sen Zugangs­bar­rie­ren abge­baut und allen Kin­dern Zugang zu qua­li­ta­tiv hoch­wer­ti­ger frü­her Bil­dung zu ermög­li­chen wer­den. Als Alter­na­tive plä­die­ren die Autor*innen für eine kon­se­quente Stär­kung inklu­si­ver Bil­dungs­struk­tu­ren: all­tags­in­te­grierte und mehr­spra­chig­keits­sen­si­ble Sprach­bil­dung im Kita-All­tag, eine bes­sere Aus­stat­tung und (Weiter-)Professionalisierung des Kita-Per­so­nals sowie eine ver­bind­li­che Koope­ra­tion zwi­schen Kita und Grund­schule. Nicht die Kin­der müss­ten sich an ein defi­zi­tär aus­ge­stal­te­tes Sys­tem anpas­sen, son­dern Bil­dungs­ein­rich­tun­gen müss­ten “kind­fä­hig” und der Viel­falt einer Migra­ti­ons­ge­sell­schaft von Tag eins an gerecht werden.

Die aus­führ­li­che Stel­lung­nahme von Dr. Bos­tancı, Dr. Wojciech­o­wicz und Wirth kann hier nach­ge­le­sen werden: